Ich war gestern durch die Installation von Claude Lévêque bei Yvon Lambert im Grand Palais wie vom Blitz getroffen, ich war es erneut nachmittags am Stand von Envoy, einer "kleinen" New Yorker Galerie auf SLICK in Belleville (die Galerie ist auch auf Show Off vertreten). Der Künstler ist 40 Jahre alt, ein Deutscher, der in Antwerpen lebt; seinen Namen hörte ich nie, Christoph Broich. Der ganze Stand ist ihm gewidmet. Im Mittelpunkt, durch Schnüre an der Decke befestigt, hängt eine Form von Latex: es ist eine Frau, die ein Gestell aus Männerköpfen und -köpern, einem Tisch und verschiedenen Utensilien reitet: das Ganze ist leer und schlaff, Erinnerung an eine Form, die nicht mehr ist. Die Haut ist von purem Latex, der sich vermischt mit Fragmenten von Stoff, Spitze, Pailletten. Die Frau lächelt triumphierend. Sie reitet auf ihren Träumen, ihrer Vergangenheit, ihren Mißerfolgen; sie hat über alles triumphiert, ihr Ziel erreicht. Die Form ist fremd, man fühlt die Materialitä der Haut, und man ist gleichzeitig durch die Leere befremdet, durch das Fehlen des Fleisches. Es ist nicht sehr wichtig, daß das Modell Amanda Lear ist mit all ihrer Zweideutigkeit (schauen Sie genau), noch daß das Stück The girl who sold her soul to the devil and won heißt. Christoph Broich fertigt zunächst Skulpturen, die er mit Stoff und mit Latex überzieht; einmal die Form aus der Haut genommen zerstöt er die Skulptur selbst - ohne Zeugen, ohne Video. Seine Faszination fü die Materialität des Fleisches findet sich auch in einem anderen Werk wieder, das wie eine Karkasse von Soutine an der Wand hängt, genannt Tableheads. Wie kann der Geist der Haut entweichen, der zwingenden Hülle, dem Beweis von Materialität? Es gibt zudem einige Köpfe, einige Photos, insgesamt eine sehr starke Installation, die berührt.
lunettesrouge
Kommentar zu diesem Artikel:
CHRISTOPH BROICH: sein großes Werk, das auf Slick von Envoy gezeigt wurde, war das stäkste, das innovativste, das meist berührende und das schönste von all jenen, die man in Paris in dieser stimulierenden Woche sehen konnte. Von einer geheiligten, triumphierenden jedoch geleerten und leblosen Schönheit - Seile benötigend, um seine so stolze Erscheinung aufrecht zu halten.
Verfaßt von: Wïdir, den 03. November 2006